Kolumne #15: Mein Adventsfazit

Weihnachten – Zeit der Besinnlichkeit. Dass ich mich mit diesem Wort schwer tue, wisst ihr sicherlich zumindest seit meinem Beitrag über die ‚Adventshalbzeit‘ von vor zwei Wochen. Ich habe aber nicht aufgegeben und mich auf die Suche nach Besinnlichkeit gemacht. Wo ich sie gefunden habe? Im Kleinen, im Klitzekleinen, das für mich die Welt ausmacht. Bin ich also mit der diesjährigen Adventszeit versöhnt? Lasst es mich euch erzählen…

20161220_211457_resized.jpgWenn ihr euch an meinen Beitrag zur Adventsmitte (Kolumne #14: Adventshalbzeit: Adventskalender von essie, Maybelline und Balea / Oder: Warum ich nicht besinnlich bin und es auch nicht sein möchte) erinnert, wisst ihr noch, dass ich einen ‚Besinnlichkeitsoverkill‘ hatte. Von überall her schallte es „Seid besinnlich!“, „Kehrt ein!“ (Leider war das rein spirituell gemeint und nicht gastronomisch) und Schlagworte wie „Zur Ruhe kommen“ hatten Konjunktur. Und ich? Ich reagierte empfindlich. Kein Bock. Ich habe im Halbzeitbericht versucht hervorzuheben, wie anstrengend und falsch ist es finde, dass positive Gefühle, ein Wunsch nach Frieden, Besinnlichkeit und Ruhe von außen an einen hingetragen werden müssen. Lichterkette = Zack, Besinnlichkeit!, Weihnachtsmarkt = Instant Entspannung!, Geschenkekauf (natürlich maßvoll) = Nächstenliebe inklusive positiver Hormonausschüttung, ach, so christlich und weihnachtlich!

Was mir fehlte: Sich selbst an die Nase fassen, sich selbst wirklich reflektieren und versuchen, im Kleinen die Dinge besser zu machen. Denn Veränderung – und sei es nur ein kleines positives Gefühl – fängt bei uns selbst an. Nicht bei den anderen. Und ganz sicher nicht, indem wir etwas erwarten, wenn wir auf den Weihnachtsmarkt gehen, wenn wir Plätzchen backen oder den Baum schmücken. Das alles kann und wird nur Bedeutung haben, wenn wir selbst diesen Dingen Bedeutung schenken. Und genau da sollten wir ansetzen: Bei uns selbst. Wir sind nicht perfekt, und ich zeige auf niemandem mit dem Finger, ich möchte es dennoch gerne anmerken: Wir selbst sind das Gute oder können es zumindest sein. Jeder Einzelne von uns kann einen Unterschied machen – denn Unterschied findet selten in großen Revolutionen statt, meistens sind es kleine Taten, kleine Gesten und Worte. Ein Lächeln.

20161223_202953_resized.jpgNun verbringe ich viele meiner Lebensstunden zur Zeit auf der Autobahn. Und dort wird man irgendwann zum Menschenhasser. Egal, wie oft ich zu mir selbst sage „Ach, lass ihn doch vor dir rein, wenn er es so eilig hat“, „Naja, dann hat der dich halt geschnitten, ist ja nichts passiert“ oder „Lass ihn hinter dir hupen, obwohl du nur regulär überholst, reg dich nicht auf“, irgendwann kann ich nicht mehr. Irgendwann denke ich fiese Dinge. Wenn der 100. dich schneidet, dich zur Vollbremsung zwingt, dir den Mittelfinger zeigt, dich keiner hinter einem LKW rausziehen lässt, Leute bei vollkommen freier Autobahn die linke Spur blockieren, Autofahrer bei einem Unfall auf die Gegenfahrbahn glotzen, dass ihnen fast die Augen ausfallen, während sie sich gleichzeitig keinen Zentimeter mehr vorwärts bewegen und die eigentlich freie Autobahn künstlich verstopfen, dann ist es bei mir mit der Nächstenliebe nicht mehr weit. Dann denke ich, was es doch für viele gedankenlose, ja, sogar gemeine, Menschen gibt. Dann frage ich mich, warum das Radio ununterbrochen die Wörter ‚Besinnlichkeit‘ und ‚Einkehr‘ plärrt, wenn doch eh niemand darauf hört, sich niemand einfach mal selbst einen Schritt zurücknimmt, niemand seinen Egoismus eine Spur runterfährt, und keiner auch nur mal daran denkt, sich so zu benehmen, dass es für alle angenehm ist.

20161225_165741_resized.jpgSobald man aber aussteigt, im Wortsinne also ‚entschleunigt‘, ist die Welt zum Glück nicht mehr so schwarz. Dann steht die gesamte Nation eng zusammen, feiert religionsübergreifend einen Gedenkgottesdienst für die Opfer des Terroranschlages, lässt sich nicht unterkriegen. Dann treffen sich Anfang Dezember viele einander fremde Gießener, die wegen einer Weltkriegsbombenentschärfung ihre Wohnungen verlassen mussten, am Glühweinstand und unterhalten sich, dann bedanken sich Bedürftige über eine kleine Spende mit den Worten „Möge Gott es Ihnen vergelten, Frohe Festtage“, dann hängen Arbeitskollegen Schokonikoläuse an den improvisierten Weihnachtsbaum im Büro, dann lacht und strahlt die Kassiererin im französischen Supermarkt, als man ihr sagt, dass ihre Nikolausmütze, die sie trägt, sehr schön aussieht, dann freuen sich die Eltern über die kleinen Weihnachtsgeschenke, die man ihnen macht, lachen und strahlen übers ganze Gesicht, weil man die alte elektrische Eisenbahn hervorgekramt und um den Weihnachtsbaum herum aufgebaut hat, und weil die kleine Bahn auch nach fast 20 Jahren noch tapfer fährt.

Und genau dann weiß ich endlich: Alles wird gut. Weil wir wissen, dass wir im Kleinen ganz Großes bewegen können. Frohe Weihnachten! Seid gut zueinander!

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4 Kommentare zu „Kolumne #15: Mein Adventsfazit

  1. Es ist schön zu hören, dass du dich doch noch dieses Jahr mit Weihnachten angefreundet hast.

    Für mich persönlich war es auch immer entspannend Weihnachten bei meinen Eltern zu sein, da sie auch nicht auf Teufel komm raus besinnlich und so sein müssen :-)

    Übrigens sieht euer Tannenbaum mit der Modelleisenbahn sehr schön aus, das ist eine tolle Idee!

    Liebe Grüße

    Gefällt 1 Person

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