Kolumne #2: Instagram – was machst du nur mit mir?

Seitdem Eitelkeit durch die Dauerbeschallung der sozialen Netzwerke salonfähig geworden ist, ist Neid heutzutage wohl die größte Todsünde. Dennoch erzähle ich euch heute, warum mich Instagram neidisch macht, wenn ich meine schwachen fünf Minuten habe. Und vielleicht stehe ich mit diesem hässlichen Gefühl, das kurioserweise überhaupt keine hässlichen Motive hat, ja gar nicht alleine da, und wir können da gemeinsam draus lernen – und über Instagram lachen. Ich zeige euch 10 Dinge, die bei Instagram zum Schmunzeln sind oder die ich einfach nie verstehen werde…

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Etwas gewollt künstlerisch-nachdenklich

Ich denke, dass mein Studienabschluss viel mit meinem Gefühl zu tun hat. Ich bin fertig, hurra, und jetzt? Ich weiß von Freunden, wie hart und langwierig es ist, einen Job zu finden. Und ich weiß auch, dass sich mit dem ersten Job die quälende Frage nach der eigenen Zukunft nicht einfach in Wohlgefallen auflöst. Aber was ich nicht wusste, war, wie emotional belastend die Arbeitssuche ist. Dieses lapidare „wir haben uns für jemand anderen entschieden“ tut wirklich weh. Auch wenn man es nicht persönlich nimmt. Weil man sich Hoffnungen macht, weil man hofft, jemand anderen von sich überzeugen zu können. Und wenn das mit dem Überzeugen eben nicht hinhaut, fühlt man sich nutzlos, überflüssig. Das geht an die Nerven.

Um mich davon abzulenken, und um meine Leidenschaft endlich mit anderen zu teilen, entschied ich mich, diesen Blog zu beginnen. Und auch hier ist es nicht anders als bei den Bewerbungen. Ich biete mich, meine Ideen und Kreativität, an, und kann nur hoffen, dass am anderen Ende jemand ist, dem gefällt, was er sieht. Und natürlich ist da dann auch Ablehnung. Das „wir haben uns für jemand anderen entschieden“ aus meinen Bewerbungen drückt sich hier durch Schweigen aus. Kaum Likes, kaum Reichweite, Follower, die abspringen… Das ist indirekte Ablehnung und auch die tut weh.

Und dann gibt es andere Blogs, die eine halbe Million Follower haben, Kommentare ohne Ende; Blogger mit den tollsten Kooperationen, Events und Schampus inklusive. Ich weiß, dass die Leute hinter diesen Blogs seit Jahren hart an sich und ihrer Webseite arbeiten. Der Zeitaufwand ist immens, es ist langwierig, sich immer was Neues einfallen zu lassen, die richtigen Bilder zu finden und alles auf den verschiedenen Kanälen zu moderieren. Und dennoch nagt da was an mir – Neid. Dieses „ich will auch“. Dieses Gefühl, was verpasst zu haben. Überflüssig zu sein. Nicht gut genug zu sein. Und das ist dann genau wie bei den Bewerbungen. Einfach ein mieses Gefühl. Wenn diese Unsicherheit an mir nagt, diese Angst vor der Zukunft, diese Frage auftaucht „Wo gehöre ICH eigentlich hin?“, und ich nicht mal weiß, ob ich in der Stadt, in der ich lebe, bleiben kann, dann wirkt das nach außen getragene Leben anderer so unendlich viel attraktiver als das eigene. Dann will ich auch ‚angekommen’ sein.

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Apropos Ehrlichkeit: So sah ich übrigens wirklich aus, während ich den Blog bearbeitet habe. Unbekämmte Haare und ungeschminkt. Und ja: Da ist ein Panda mit Brille auf meinem Shirt.

Dabei sollte ich doch wissen, dass Instagram mehr Schein als Sein ist. Alle Bilder sind retuschiert, und natürlich wird nur das präsentiert, was auch zeigenswert ist. Das Positive eben. Bloß keine Schwächen zeigen, keine Makel, keine negativen Gefühle. Wo ist denn die Ehrlichkeit hin? Es gehört doch auch mal dazu, traurig zu sein, niedergeschlagen, neidisch. Denn wir haben alle unsere guten und unsere schlechten Tage. Warum sollte man das nicht auch alles offen zeigen? Das Lustige und Witzige, das Traurige, das Ernste. Ich möchte mich nicht hinter Bildern verstecken oder nur Fotos schießen, von denen ich denke, dass sie gut ankommen. Ich möchte mich nicht so präsentieren, wie es sich eine App vorstellt, sondern wie ich eben bin. Und da ist wenig Glitzer, da ist ein ganz normaler Mensch, eine Frau, die jetzt ins ‚richtige’ Leben startet, die manchmal Angst vor ihrer eigenen Courage hat und die versucht, immer das beste aus allem zu machen.

Und damit ist jetzt Schluss mit Trübsalblasen. Denn, und das finde ich ganz wichtig, wenn man traurig war, muss man irgendwann auch wieder damit aufhören, sich selbst kritisch hinterfragen und sagen: „Spinnst du? Neidisch wegen Fotos. Jetzt reicht’s mal. Reiß dich zusammen.“ Und was ist die beste Medizin? Richtig, lachen. Lasst uns doch gemeinsam ein bisschen über Instagram schmunzeln mit 10 Dingen, die ich an Instagram lustig finde oder einfach nie verstehen werde:

  1. Werden Instagram-Stars immer von Fotografen begleitet? Von einem Stylingteam? Haben einen Möbelwagen mit Klamotten dabei? Gibt’s so was überhaupt? Beruf: Persönlicher Paparazzo, der nur vorteilhaft fotografiert und garantiert alle beliebten Instagram-Filter kennt.
  2. Instagram-Stars müssen vergessen haben, wie gut warmes Essen schmeckt. Bis sie ihr Essen richtig drapiert haben, die Handtasche dazu, das Tischblümchen vorteilhaft in eine Bildecke, das richtige Licht, ist ihr Essen doch kalt. Sind deswegen Smoothies so beliebt? Und Proteinshakes? Selbst gemachtes Müsli? Klingt plausibel.
  3. Apropos Blümchen: Die Blumenhändler haben den Valentinstag erfunden – mehr Umsatz und so. Wissen wir. Ich vermute aber, dass der Verband auch bei Instagram seine Finger im Spiel hat. Kein ‚Aufgebraucht’, kein ‚dm-Haul’, kein Mittagessen ohne Blümchen im Hintergrund. Instagrammer müssen wöchentlich kiloweise Blumen nach Hause schleppen – oder gibt es auch dafür Leute? Persönlicher Wiesengrünanschlepper. Mit LKW.
  4. Jeder bei Instagram ist Blogger. Auch ohne Blog. Man kann ja einfach ein Foto von Beauty-Produkten hochladen (mit Blumen!) und dazu seinen Senf geben. Erinnert sich sonst noch jemand daran, wie furchtbar mühsam es früher war, bis man ein Bild online hatte? Ich hatte keine Digitalkamera, musste das Bild also erst machen (ohne auf einem Bildschirm zu sehen, wie es geworden war! – Es gibt Selfies von mir aus der Zeit, da bin ich einfach nicht drauf zu sehen…), dann musste es entwickelt werden, dann wurde es eingescannt, dann hochgeladen. Und voilà! Nach einer schlanken Woche hatte man EIN Bild online. Und das blieb dann da. Für Monate. Auch undenkbar: Die meisten persönlichen Homepages kamen vor 10 Jahren ganz ohne Bilder aus. Nur mit Text und Smileys und vielleicht ein paar Glitzer- und Herzchen-Effekten.
  5. Die Youtuber, die ich so schaue, zeigen sich in ihren Videos oft ungeschminkt, mit Fehlern und Problemen. Es wird über Alltägliches gequatscht, beim Make-up geht was daneben und auch ein schlechter Tag wird thematisiert. Daumen hoch! Bei Instagram aber sind diese sehr natürlichen Frauen plötzlich Vamp, femme fatale, Diva oder Model. Wieso? Was macht Instagram, dass dort so wenig Raum für Ehrlichkeit und Natürlichkeit ist? Sogar bei denen, die sich sonst so herrlich unperfekt zeigen?!
  6. Habt ihr schon mal einen Instagram-Star live gesehen? Ich leider nicht. Mich würde wirklich interessieren, ob sie mitten in der Fußgängerzone snappen – also mit ihrem eigenen Kamerabild reden, ob sie plötzlich ihre Handtasche fallen lassen, den Inhalt außen rum drapieren und wild drauf los knipsen, und ob – und das fände ich wirklich spannend – sie Essen zurückgehen lassen, weil es nicht fotogen genug ist, nicht weil es schlecht schmeckt.
  7. Ich besitze eine Digitalkamera. Eine möglichst kleine und leichte mit möglichst viel Speicher (zum Löschen bin ich zu faul), damit ich sie auch im Urlaub easy mit mir rumtragen kann. Lange Zeit fanden alle anderen handliche Kameras genauso praktisch wie ich. Und plötzlich, es kommt mir wirklich vor wie über Nacht, stehe ich mit meiner ‚die-passt-in-die-Hosentasche’-Kamera alleine da. Wortwörtlich. Alle tragen eine riesige Spiegelreflexkamera um den Hals. Ja, um den Hals. Wisst ihr noch, wie furchtbar das als Kind war, wenn man den Hausschlüssel um den Hals tragen musste oder gar so einen Brustbeutel? Ich hänge mir außer Schmuck nix um den Hals, basta, ich habe da ein Trauma. Alle anderen finden’s heute toll. Ich vermute, dass die Nackenprobleme, die angeblich vom Ins-Smartphone-Starren kommen in Wahrheit mit den fetten Kameras zu tun haben.
  8. Ich bin fest davon überzeugt, dass es insgeheim einen Instagram-Dresscode gibt. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass manche Kleidungsstücke und Accessoires in exakt derselben Farbe und Ausführung von allen ‚Influencern’ getragen werden. Und das über Nacht! Keiner unter 60 interessierte sich früher ernsthaft für Birkenstock. Jetzt sind die Schuhe, in denen man früher oder später seinen eigenen Schweißabdruck sehen kann, nicht mehr wegzudenken. Und diese Chloé-Tasche, deren Namen ich nicht weiß, die ihr aber ALLE kennt – seltsam, dass man ohne überhaupt noch bei Instagram zugelassen wird…
  9. Wie kommt es eigentlich, dass die meisten bei Instagram zehnmal so viele ‚Fans’ haben wie bei Facebook, das ja nach wie vor der Marktführer ist? Und wie schafft es Instagram, dass es dort so viel Liebe gibt, so viel Positives (man könnte auch sagen: Geschleime) und bei Facebook gibt es meistens nur Hass und Streit?
  10. Und wenn doch Instagram so positiv ist, wieso muss dann dort alles perfekt sein? Gestellt? Unnatürlich? Haben wir nur ‚Herzchen’ übrig für Perfektion? Dabei rennen doch gerade den Printmedien die Leser weg, weil alles zu künstlich – und auch zu teuer – ist. Um dann bei Instagram Leute zu liken, die ihr eigenes Hochglanzmagazin sind und fast ausschließlich teure Produkte vorstellen?! Macht das wirklich nur mich in meinen schlechten fünf Minuten verrückt?
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So fühle ich mich übrigens am wohlsten. Unicorns4life! Und wer trägt Zuhause schon Jeans?!

Viel wichtiger als alle Instagram-Follower ist es doch, auf sich selbst stolz zu sein. Auf das, was man erreicht hat. Auch wenn es nicht hunderttausend Abonnenten sind, auch wenn es nicht für ein Leben in öffentlichem Glanz und Glamour reicht. Es gibt so viele andere Stärken, die zählen. Das muss ich mir ganz bewusst vor Augen führen. Manchmal bin ich da vergesslich. Also: Etwas weniger auf andere schauen, mehr Fokus auf sich selbst. Ohne Egozentrik. Wissen, was am Ende des Tages zählt: Die eigene, innere Zufriedenheit. Egal, was man tut oder kann. Und: Online einfach mal online sein lassen. Offline gehen. Kaffee trinken. Durchatmen. Lachen.

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10 Kommentare zu „Kolumne #2: Instagram – was machst du nur mit mir?

  1. Ich poste lieber unperfekte Fotos, versuche zwar immer nen nettes Bild hinzukriegen, aber dafür stelle ich mir nicht Blumen ins Bild. 🙈 Ich finde die Profile, die Alltag und auch unperfekte Fotos zeigen , viel sympathischer . Und Vorallem einfach auch mal nen Schwung aufm Leben erzählen und nicht einfach nur aufs Produkt/Frühstück/Essen/Schuhe etc sich beschränken .

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  2. Super toller Text. Ich kann das absolut nachvollziehen – ich erwische mich auch oft dabei neidisch auf andere zu sein weil diese mehr Follower als ich haben. So doof eigentlich – aber man fragt sich dann einfach WIESO. Was machen die anders? Wieso sind die interessant und ich nicht??

    Und die 10 Fakten fand ich richtig lustig. Ich glaub Instagramer/Blogger sind schon so ein Phenomen :’D aber btw, Birkenstock sind schon seit Jahren bei Bloggern der Schrei – manche Instagramer/kleinere Blogger springen einfach erst jetzt auf. (vor allem da in Schweden zB bloggen ja schon seit ewigkeiten „in“ ist)

    Love, Kerstin
    http://www.missgetaway.com

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Kerstin,
      Vielen Dank für deinen lieben und so ausführlichen Kommentar. Das bedeutet mir sehr viel :)
      Ja, sich uninteressant zu fühlen, geht in der großen Online-Welt sehr leicht… Ich folge dir jetzt aber auf Instagram :)
      Oh, das mit den Birkenstocks wusste ich so nicht. So oder so: Ich Opfer habe 3 Paar davon. Oh je ;) Es sind wohl zu Recht ‚Influencer‘.
      Ganz liebe Grüße,
      Lieselotte

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